|
Für uns heute kaum vorstellbar, damals jedoch in vielen Familien Alltag: In Amerika war es weitverbreitet, dass Kindern das Spielen am Sonntag untersagt wurde. Besonders in streng religiösen Familien herrschte auch für Kinder Sonntagsruhe. Sie durften religiöse Texte oder Bücher lesen oder dem Vorlesen aus der Bibel lauschen. Gewöhnliches Spielzeug wurde jedoch bis zum nächsten Tag weggeräumt. Eine Ausnahme bildeten Spielsachen mit religiösem Hintergrund. Diese Spielsachen wurden als „Sonntagsspielzeug“ bezeichnet. Zu dieser Zeit entstanden beispielsweise Spielzeugsets rund um die Arche Noah. Die Sets unterschieden sich in ihrer Ausstattung, enthielten jedoch gewöhnlich eine Arche, Noah und seine Frau, einige Tiere und eine Taube. Teurere Ausführungen umfassten zusätzlich Noahs Söhne und bis zu 100 Tierpaare. Ein weiteres Sonntagsspielzeug war der sogenannte „Wolf im Schafspelz“, ein kleiner Stoffwolf, der unter einem abnehmbaren Schafspelz verborgen war. Auch „Jakobsleiter“, Puzzles mit biblischen Motiven oder Kirchenpsalmen und bestimmte Puppen waren erlaubt. Letztere wurden als „Kirchenpuppen“ bezeichnet, da man davon ausging, dass Kinder mit ihnen religiöse Zeremonien wie beispielsweise eine Taufe nachspielen konnten. SPORT UND SPIELE
Während eines großen Teils des 19. Jahrhunderts waren viele Eltern der Ansicht, dass Kinder nicht zu Beschäftigungen ermutigt werden sollten, die sie übermäßig ermüdeten oder von ihren Pflichten und Aufgaben abhielten. Zu den gesellschaftlich akzeptierten Freizeitbeschäftigungen gehörten vor allem Gartenarbeit, Spaziergänge, Reiten und Lesen. Da Kartenspiele häufig mit Glücksspiel in Verbindung gebracht wurden, standen manche Eltern ihnen ablehnend gegenüber. Gewöhnliche Spielkarten durften die Kinder deshalb mitunter nur als „Bausteine“ verwenden, um damit Kartenhäuser zu errichten. Allerdings gab es auch spezielle Kartenspiele für Kinder, die häufig einen erzieherischen Zweck erfüllten. Sie sollten beispielsweise beim Erlernen des Rechnens helfen oder Kenntnisse in Geschichte und Geografie vermitteln. Es gab sogar Kartenspiele für Mädchen, mit denen sie etwas über das Kochen lernen sollten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden farbenfrohe Kartenspiele immer beliebter. Dazu gehörten unter anderem „Old Maid“, „Old Bachelor“, „Our Birds“ und „Dr. Busby“. Die sogenannten „Parlour Games“ (Wohnzimmerspiele) gehörten ebenfalls zu den beliebten Freizeitbeschäftigungen. Ihren Namen verdankten sie dem Umstand, dass man diese Spiele gerne mit Besuchern spielte, die während des viktorianischen Zeitalters im besten Zimmer des Hauses empfangen wurden – dem Parlour. Viele dieser Spiele, darunter Scharade, Blinde Kuh oder „Dem Esel den Schwanz anheften“, wurden auch gerne auf Gesellschaftsfeiern gespielt. BELIEBTE KINDERSPIELE FÜR DRINNEN BLINDMAN'S WAND: Eine Variante von Blinde Kuh. Der „blinde“ Spieler hält einen Stock, dessen anderes Ende ein Mitspieler ergreift. Der blinde Spieler darf drei Fragen stellen, um sein Gegenüber anhand der Stimme zu erkennen. Allerdings dürfen die Mitspieler ihre Stimmen verstellen. Ziel ist es natürlich, herauszufinden, wer sich am anderen Ende des Stocks befindet. DEERSTALKER: Bei diesem Spiel werden zwei Spielern die Augen verbunden. Einer übernimmt die Rolle des Jägers, der andere die des Rehs. Beide werden an entgegengesetzten Enden eines Tisches aufgestellt. Sobald die übrigen Kinder das Startsignal geben, bewegen sich die beiden möglichst leise und vorsichtig um den Tisch. Ziel des Jägers ist es, das Reh zu fangen, während dieses versucht, ihm zu entkommen. AMOR KOMMT: Zunächst entscheiden die Kinder, welcher Buchstabe des Alphabets in der jeweiligen Runde verwendet werden soll, beispielsweise das T. Der erste Spieler sagt zu seinem Gegenüber: „Amor kommt.“ Daraufhin fragt der andere: „Wie kommt er?“ Nun muss der erste Spieler mit einem Wort antworten, das mit T beginnt. Im Englischen heißt das Spiel „Cupid's Coming“. Dort wird es dadurch erschwert, dass das gesuchte Wort mit dem gewählten Buchstaben beginnen und auf „-ing“ enden muss. Das Spiel geht so lange weiter, bis einem Spieler kein passendes Wort mehr einfällt. 20 FRAGEN: Dieses Spiel war im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Ein Spieler denkt sich eine Person, einen Ort oder einen Gegenstand aus. Die übrigen Spieler müssen versuchen, herauszufinden, woran er denkt. Dazu dürfen sie Fragen stellen, die ausschließlich mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können. Die Runde endet, sobald jemand die richtige Antwort erraten hat oder die zwanzigste Frage gestellt wurde. TABU: Dieses Spiel ähnelt dem heutigen Tabu. Zunächst wird ein Buchstabe des Alphabets festgelegt, der während des Spiels nicht verwendet werden darf. Nun muss der erste Spieler beweisen, dass er in der Lage ist, Fragen zu beantworten, ohne diesen Buchstaben auszusprechen. Haben sich die Spieler beispielsweise für den Buchstaben H entschieden, darf auf die Frage „Welches Tier bellt?“ nicht mit „Hund“ geantwortet werden. Stattdessen wären Wörter wie „Welpe“, „Rüde“, „Kläffer“ oder „Köter“ denkbare Alternativen, um die Runde zu überstehen. ICH HABE EINEN KORB: Dieses Spiel ähnelt unserem heutigen Kofferpackspiel. Allerdings werden die Gegenstände in einen Korb gelegt, wobei die Spieler der Reihe nach das Alphabet durchgehen. Der erste Spieler nennt einen Gegenstand mit A, der zweite einen mit B und so weiter. Dabei müssen die bereits genannten Gegenstände in der richtigen Reihenfolge wiederholt werden. MIKADO: Dieses Geschicklichkeitsspiel wurde damals mit einer Handvoll Strohhalmen oder dünnen Zweigen gespielt. FLOHSPIEL: Bei diesem Spiel werden kleine Spielsteine mithilfe eines etwas größeren Chips in eine Tasse geschnippt. Ziel ist es, als Erster sämtliche eigenen Spielsteine in der Tasse unterzubringen. Im 19. Jahrhundert wurde das Spiel mitunter ausgesprochen ernst genommen. Manche Spieler übten in ihrer Freizeit regelrecht dafür. BRETTSPIELE Kinder spielten auch Brettspiele wie Dame, Schach und Backgammon, die bereits seit Jahrhunderten bekannt waren. Daneben entstanden neue Brettspiele, mit denen Kindern Kenntnisse in Geografie, Wissenschaft und Geschichte vermittelt werden sollten. Andere Spiele dienten vor allem dazu, ihnen gesellschaftlich erwünschte Werte wie gutes Benehmen, Fleiß und harte Arbeit nahezubringen. Eines dieser Spiele hieß „Errand Boy“ und war bei Kindern sehr beliebt. Darin wurde die Karriere eines Botenjungen nachgespielt, dessen Ziel es war, durch Fleiß und gute Taten bis zum Bankdirektor aufzusteigen. Die Bewegungen auf dem Spielbrett wurden durch ein Drehrad mit Zahlen bestimmt. Würfel verwendete man nicht, da diese damals häufig mit Glücksspiel in Verbindung gebracht wurden. Landete ein Spieler auf einem Feld, das gutes Benehmen, harte Arbeit oder eine gute Tat beschrieb, durfte er vorrücken. Felder, die Faulheit oder Unehrlichkeit darstellten, hatten dagegen negative Folgen. Der Spieler musste zurückgehen oder wurde sogar ins „Gefängnis“ geschickt. Gewonnen hatte, wer als Erster Bankdirektor wurde. SPORT Viele bewegungsreiche Kinderspiele orientierten sich an bekannten Sportarten, wobei die Kinder die benötigten Spielgeräte häufig selbst herstellten. BANDY Bei „Bandy“ handelte es sich um eine Art Hockey. Zwei Mannschaften versuchten, einen Ball mithilfe von Schlägern ins gegnerische Tor zu befördern. Die Schläger ähnelten heutigen Hockeyschlägern, besaßen jedoch ein kürzeres Blatt. Kinder verwendeten dafür häufig einfache Baumzweige und alles, was sich einigermaßen als Ball eignete. CURLING Im Winter ging es aufs Eis. Zwei Mannschaften ließen schwere Granitsteine über eine Eisfläche gleiten. Ziel war es, die eigenen Steine möglichst nahe an einen zuvor markierten Zielpunkt zu bringen. DOSENKICKEN Eine einfache Variante des Fußballspiels, bei der anstelle eines Balls eine Dose verwendet wurde. BATTLEDORE AND SHUTTLECOCK Eine frühe Variante des heutigen Badmintons, die bei Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters beliebt war. Mit einem Schläger versuchten die Spieler, einen Federball möglichst lange in der Luft zu halten, ohne dass dieser den Boden berührte. „FOOTBALL“ Das heutige American Football entwickelte sich aus verschiedenen Formen des Fußballs und Rugby. Während des 19. Jahrhunderts bezeichnete der Begriff „Football“ jedoch noch unterschiedliche Spielvarianten, die teilweise eher dem heutigen Fußball ähnelten. Die Regeln waren zunächst vergleichsweise einfach und unterschieden sich je nach Region und Mannschaft. Ab den 1870er-Jahren wurden insbesondere an den Universitäten neue Regeln eingeführt. Dazu gehörte, dass Spieler den Ball unter bestimmten Bedingungen auch tragen durften und körperliche Angriffe auf den ballführenden Spieler zunehmend Teil des Spiels wurden. BASEBALL Baseball war bereits im 19. Jahrhundert eine beliebte Sportart. Die Grundzüge des Spiels ähnelten dem heutigen Baseball, auch wenn sich einzelne Regeln und die Ausrüstung im Laufe der Zeit noch deutlich veränderten. Kinder spielten damals gewöhnlich ohne Helme, Handschuhe oder andere Schutzausrüstung, wie sie heute üblich ist. MURMELSPIELE Als Murmeln konnte damals nahezu alles dienen, was eine passende Form und Größe besaß, beispielsweise Nüsse oder kleine, rundliche Steine. Besonders beliebt war es, einen Kreis auf den Boden zu zeichnen und mehrere Murmeln in dessen Mitte zu legen. Anschließend versuchten die Spieler, die Murmeln mit ihren eigenen aus dem Kreis zu schießen. Gewonnen hatte, wer die meisten Murmeln aus dem Kreis befördert hatte. VERSSPIELE Bei diesen Spielen wurden zwei Mannschaften gebildet, die sich auf gegenüberliegenden Seiten des Spielfeldes aufstellten. Jede Mannschaft bildete eine geschlossene Kette, indem sich die Kinder an den Händen fassten. Anschließend wurde gemeinsam ein Reim gesungen, der häufig einen leicht herausfordernden Charakter hatte. Sobald der Vers endete, musste ein Spieler versuchen, auf die gegenüberliegende Seite zu rennen und dort die Kette der anderen Mannschaft zu durchbrechen. Daneben gab es zahlreiche weitere Spiele, für die kaum oder gar kein gekauftes Spielzeug benötigt wurde. Dazu gehörten Heuhüpfen, Jo-Jos, Versteckspielen, das Nachspielen des Erwachsenenalltags, Ringewerfen, Ballspiele und Seilziehen. Beim Seilziehen erfanden die Kinder gerne eigene Varianten, beispielsweise über einer schlammigen Stelle oder einem kleinen Bach. Beliebt war auch das Reifentreiben. Dabei wurde ein Holzreifen mit einem Stock angetrieben, während das Kind nebenherlief und versuchte, ihn möglichst lange in Bewegung zu halten. Solange die Kinder ein wenig Fantasie und Einfallsreichtum besaßen, gab es auch für jene, deren Familien sich keine Puppen, Soldatenfiguren, Bälle oder anderes gekauftes Spielzeug leisten konnten, genügend Möglichkeiten, ihre Freizeit mit Spielen und kleinen Abenteuern zu verbringen. |






