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HAUS WALCOTT ALWAYS THE BOYS - Druckversion

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ALWAYS THE BOYS - John Clayton - 16.07.2018

B E S C H R E I B U N G


Das weiße, zweistöckige Haus ist umgeben von einem klassischen weißen Lattenzaun, der ein großzügig angelegtes Grundstück einfasst. Die Haustür, überdacht von Wind und Regen geschützt, ist über drei schmale Stufen zu erreichen, die auf eine kleine Veranda vor dem Haus führen.

Hinter dem Haus erstreckt sich ein großer, noch nicht angelegter Garten.


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Terence Stevenson - 21.06.2022

cf: Pfarrhaus

Der Weg war nicht weit und doch kam er dem Reverend noch viel zu kurz vor, trotz des anhaltenden Regens. Den Kragen gegen die Kälte und die Feuchte hochgeschlagen, den Hut tief in die Stirn gezogen schlenderte er über die Straße, während er sich halbherzige Gedanken machte, wie er die Sache regeln wollte. Es war ein aussichtsloses Unterfangen und das betrübte ihn. Er war gewohnt, die Dinge anzupacken, nach Lösungen zu suchen. Aber Walcott war niemand, der vernünftig mit sich reden ließ. Wenn er eine Meinung gefasst hatte, klammerte er sich eisern an seinen Prinzipien fest. Die ganze Geschichte war unfair den Mädchen gegenüber, die Reaktion völlig überzogen, aber warum sollte Terry sich da einmischen? Nun, weil das seine Aufgabe war, schalt er sich einen Faulpelz. Er wollte ein Vater für Erins Kinder sein, dazu gehörten eben auch solche lästigen Pflichten. Auch wenn er persönlich der Meinung anhing, dass man seine Probleme gefälligst selbst zu lösen hatte und nicht andere dafür einspannen durfte, war ihm klar, dass Clara schwerlich selbst mit dem Doktor sprechen konnte. Da würde sie sich schneller eine Abfuhr einhandeln, als sie überhaupt zu einer Anfrage ansetzen konnte. Der Reverend begegnete keiner Menschenseele, kein Wunder bei dem Wetter. Er war nicht bei der Sache. Jeremiahs Verfassung vom Morgen lag ihm quer im Magen, seine Gedanken kreisten ausschließlich darum, was den Jungen bedrückte. Keine Sekunde glaubte er an die Ausrede vom guten Freund. Der wurde von Kindern nur allzu gerne erfunden um sich Rat von einem Erwachsenen zu holen und dabei selbst möglichst außen vor und von Repressalien verschont zu bleiben. Hätte er Erin davon erzählen sollen? Was nutzte es, sie aufzuregen? Die Beziehung zwischen ihr und seinem Sohn war ohnehin stetig auf der Kippe, da musste man nicht noch unnötig Holz ins Feuer werfen, sondern mochte sich an der Glut erfreuen, die ruhig und unaufgeregt vor sich hin glomm.

Terence entschied sich, nicht wie ein Gast zur Vordertüre zu gehen. Aus diplomatischen Gründen war er gewillt, den Dienstboteneingang zu benutzen. Was war er auch anderes als ein Bittsteller. Die kamen gewöhnlich zur Hintertüre um ihre Bürsten und Schuhwichse zu verkaufen oder um einen Schluck Wasser zu bitten. Das Haus zur Mainstreet hin stand leer, das Gartentor war wie nicht anders zu erwarten offen. Den Zaun, der das Grundstück von Nummer Sechs Main Street von dem der Walcotts trennte würde er irgendwie erklimmen müssen. Was tat ein Vater nicht alles gegen die in Tränen schwimmenden Augen seiner kleinen Tochter. Sein Glück war, dass die meisten Menschen in der Welt einem Mann Gottes nicht die Tür wiesen oder gar den Hund auf ihn hetzten. Gegen seine Gedanken und Sorgen, die allesamt Jeremiah betrafen, ankämpfend legte er sich ein paar Dinge zurecht, die er dem Doktor sagen wollte. Aber ein wirklich zündendes Argument kam ihm nicht in den Sinn. Sarah war seine Tochter, mochte er mit ihr verfahren, wie es ihm beliebte. Das war sein Recht als Vater, auch wenn es falsch war, oder zumindest überzogen. Inständig hoffte der Reverend, dass er Walcott heute morgen besser gelaunt antreffen würde als die letzten Male, bei denen die Männer sich begegnet waren. Terry konnte nicht umhin zu bemerken, dass seit dem Vorfall auch er als Stiefvater unter Generalverdacht geraten war und nicht mehr das volle Vertrauen der Familie Walcott genoss. Seine bisherigen Versuche, die Dinge zu regeln waren allesamt gegen eine Wand oder im Sande verlaufen. Dieser verfluchte Regen, dachte er, als er den Zaun erklomm.

Auf der Treppe der Hintertür unter einem kleinen Vordach, saß ein Junge, der wohl einigermaßen erstaunt sein durfte, wie sein Sonntagsschullehrer und geistiger Hirte im Morgengrauen und bei strömendem Regen den Gartenzaun überwand wie ein Dieb in der Nacht. “Wo kein Zaun ist, wird Hab und Gut geraubt…”, kicherte der Reverend und lächelte Ira Cole an. Ständig vergaß er, dass die beiden Cole-Bengel und ihre vom Unglück verfolgte Mutter nun bei den Walcotts Anstellung, Unterkunft und Brot gefunden hatten. Ein freundlicher Zug des Doktors, wenn auch nicht ganz uneigennützig, wie Terence vermutete. Der Reverend tippte sich an die Hutkrempe. “Guten Morgen, Ira!”


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Ira Cole - 12.07.2022

Ira und Terry auf der Hintertreppe / Hof

Ira war früh auf gewesen. Das laute Trommeln der Regentropfen gegen die Fensterscheibe ihres Schlafraumes hatte ihn aufgeweckt. Es waren gigantische Regentropfen, die um diese Zeit herabgefallen waren. Typisch für den Sommer in Wyoming. Hier oben im Norden aufgewachsen, überraschte Ira nicht mehr viel. Ein kräftiges Gewitter ohne Regen war eher eine Ausnahme, wie die heutige kühlere Zimmertemperatur, Starkregen und grauer Himmel im Sommer. Vor Jahren war er einmal im August frierend aufgewacht und hatte kleine Eiskristalle auf der Fensterscheibe vorgefunden. Das ganze Gras vor ihrer Hütte war überzogen gewesen von gefrorenem Raureif und er war mit Mütze und Handschuhe in die Schule losmarschiert. Der Elch, der ihm dabei über den Weg gelaufen war, hatte seinen Atem in Wolken aus den Nüstern geblasen und Ira hatte sich mehr an den Winter erinnert gefühlt, als an Sommer. Bis zum Mittag waren die Temperaturen nach oben geklettert und man war wieder von gleißender Sonne begleitet nach Hause gelaufen.
Gegen Frost hatte Ira nicht viel einzuwenden.
Aber Regen... Regen war ein Todesstoß.
Man konnte nirgends hin. Man saß zu Hause fest und war den Launen seiner Mutter ausgesetzt. Ständig fand sie einen neuen Auftrag, den man für sie erledigen konnte und sie mahnte zum Lernen und Üben. Man saß mit seinen Geschwistern quasi wie eingesperrt im selben Raum und es gab kein Entrinnen. Meist reichte Ira schon ein blöder Blick von Josh und er prügelte sich nur aus purer Langeweile mit ihm, bis Ma einschritt und er am Ende der Geprügelte war. Obwohl er das im Vorfeld wusste, änderte es nichts an seinen Launen und seinem Verhaltensmuster.
Nicht einmal der Schulbesuch hatte etwas an Ira verändert.
Dabei ging er noch immer gerne dorthin. Er hatte sich wie verrückt gefreut, als ihm Ma von ihren Plänen berichtet hatte. Für ihn war es immer einer Bestrafung gleich gekommen, dass sie sich das Schulgeld nach Pas Tod nicht mehr hatte leisten können. Für Josh und seine kleine Schwester war die Schule natürlich völlig unbekannt. Ihre Bedenken und Bauchschmerzen konnte Ira durchaus nachvollziehen. Und gegen sein sonstiges Verhalten, verhielt er sich in der Schule überraschend tadellos. Er gab sogar Josh eines auf die Mütze, wenn er zu klagen anfing, wie langweilig das Stillsitzen wäre und wie doof die Lehrerin und das Lernen und die Noten wären... Er predigte ihm unermüdlich welche Chance für sie beide Wissen darstellen konnte. In dieser Beziehung schienen sich die Brüder aber tatsächlich einmal nicht einig zu sein. Es wurmte Ira, das gab er offen zu und ließ es Josh auch spüren.
Doch an seinem mürrischen Wesen veränderten auch die strikten Regeln des Schulalltages wenig. Wer ihm dumm kam, bekam auch auf dem Schulhof Dresche, da waren ihm die Folgen ziemlich egal. Zu Beginn hatte er es auf die alte Trauer um seinen Vater geschoben und damit auch die Schlägereien seiner Mutter erklärt. Dann hatte er argumentiert, dass die anderen Jungs noch immer glaubten Josh und er wären voller Flöhe und hätten die Krätze und nannten Linda eine Hure. Das taten sie und sie bekamen alle ein blaues Auge verpasst. Manchmal brauchte er dafür auch Josh, weil der kleine einfach zäher und kräftiger war und dann bekam er es gleich Doppelt von Ma zurück. Aber auch das war Ira inzwischen einerlei. Ein wunder Hintern verheilte, aber die anderen lernten Respekt vor den Cole-Brüdern auf Lebenszeit.
Inzwischen glaubte Ira, war es eine Mischung aus allem - die Trauer, das ewige Lästern der anderen, der Druck, der von Sionn auf alle Schüler ausgeübt wurde, Mas Verhalten in Gegenwart von Dr. Walcott und Dr. Walcott selbst. Der spielte sich seit Wochen so auf, als wollte er irgendwann Pas Stelle einnehmen. Sie aßen inzwischen alle am selben Tisch! Widerlich! Als Ma ihnen das eröffnet hatte, hatte er in der Pause auf dem Schulhof erst einmal Thomy vermöbelt. Das hatte richtig gut getan. Dabei hatte das Affengesicht nur verlauten lassen, Josh würde stinken, wie alle Coles. Nichts Neues, aber genug um Ira zu reizen. Seit neustem sah der Doc Josh und ihn ständig so merkwürdig bei Tisch an, als wollte er ihnen gleich eine Kleben, nur weil sie am Tisch unaufgefordert redeten, herumrutschten, Geschirr klirren ließen und einmal hatte Ira, aber das war ein Versehen gewesen, laut gerülpst. Dorothy hatte kichern müssen und hatte gleich von ihrem feinen Herrn Papa eine gescheuert bekommen. Er hatte in der Küche weiteressen müssen. Das waren beängstigende Ausblicke auf eine sehr düstere Zukunft. Aber Ma buckelte, um dem Doc zu gefallen, sie flötete in seiner Nähe und war besonders aufmerksam und wenn einer ihrer Söhne nur im Ansatz sich schlecht ihm gegenüber verhielt war sie rigoros in ihrer Bestrafungen. Das zeigte Ira wo es hinging.

Regen würde ihm heute den Tag vermiesen. Und weil er nicht mehr hatte schlafen können, hatte er sich aus dem Raum geschlichen, mit den Kleidern unter dem Arm, hatte sich in der Küche einer Katzenwäsche hingegeben und war dann unbemerkt ins Freie geschlüpft. Auch wenn Regen bedeutete, dass man "gefangen" war, hatte er etwas schönes an sich. Er brachte Kühle mit sich, das Lied, das die Regentropfen sangen war ein beruhigendes und im frühen Morgen roch die Welt frisch und voller Energie geladen. Und Ira hatte ein wenig mehr Ruhe vor den langsam wach werdenden Familienmitgliedern und Mas Kommandos.

Viel Platz hatte er auf den Stufen unter dem Vordach nicht, um trocken zu bleiben, aber es reichte aus für ein kleines Stück Freiheit. Vielleicht hörte es ja zu Mittag auf, überlegte er weiter und er konnte mit Josh ein paar ihrer Pläne endlich umsetzen. Es ging so vieles spannendes im Ort vor sich und sie kamen gar nicht dazu es zu erkunden. Ständig hieß es Holz machen, fegen, Einkäufe erledigen, Öfen reinigen... Wenn sie nach der Schule einfach nicht nach Hause gingen, sondern sich ein wenig herumtrieben? Das brachte sicher eine Menge Ärger, aber Ira hatte nach dem Tod seines Vaters lernen müssen, dass er nur dann Spaß haben konnte, wenn er sich gegen seine Mutter auflehnte. Andernfalls war er nichts anderes als ihr "Arbeitssklave".

Während er trübsinnig in den Regen starrte, vernahm er ein Geräusch, das ihn aufhorchen ließ. Das Gartentor? Nein, zu leise und zu weit weg. Schritte? Nein. Es war mehr ein Poltern und Kratzen, als wollte jemand den Zaun einreißen? Dawson? Ira war sofort alarmiert und wollte aufstehen. Seit dem Zwischenfall auf dem Fest war ihnen aufs Schärfste eingetrichtert worden diesem Halunken noch mehr aus dem Weg zu gehen, als zuvor. Doch seine Neugier hielt ihn gebannt auf der Treppe fest, während er dabei zusah, wie jemand über den Zaun kletterte. Das war... ulkig. Außer Dawson plante so in nächster Zeit auf das Grundstück zu kommen. Doch Ira erkannte rasch in der Gestalt nicht die bullige, kräftige Körpermaße von Dawson. Der Mann, der sich am Zaun aufrichtete und zu ihm blickte, war kleiner. Drahtiger. Als er näher kam, sprang Ira überrascht auf die Füße. Der Reverend. Hier? Warum? Rasch ging Ira die Tage durch, an denen Josh und er die Sonntagsschule geschwänzt hatten, aber in den letzten Wochen war das vielleicht einmal vorgekommen. Er schluckte, reichlich irritiert vom Auftauchen des Reverends. Doch der von Ma eingetrichterte Respekt vor einem Kirchenmann, ließ ihn artig einen Diener machen. "Guten Morgen Reverend," sagte er klar und deutlich dabei, wie man es von ihm erwarten konnte und blinzelte den Mann ausgesprochen neugierig an. Aus seinen Worten wurde der Junge nicht schlau, auch nicht warum der Reverend kicherte. Er kratzte sich am Hinterkopf, nickte aber so, als hätte er jedes Wort verstanden. "Wollen Sie zu... Ma," fragte Ira vorsichtig und versuchte nicht zu deutlich zu zeigen, dass ihm unwohl bei dem Gedanken wurde, weil er nie so genau wusste, ob nicht jemand kam, um sich über einen der Cole-Brüder zu beklagen. Dafür gab es nämlich zu Genüge Anlass.


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Terence Stevenson - 15.07.2022

Terence hätte auch von vorne kommen und rund um das Haus laufen können, statt wie ein Strauchdieb über den Zaun zu klettern. Allerdings konnte man dies seiner Meinung nach leicht unter Morgensport verbuchen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass irgendjemand ihn dabei beobachten würde, am Allerwenigsten einer seiner Schüler. Innerlich schalt er sich einen kindischen Affen, als er wieder festen Boden unter den Stiefeln hatte. Die Karten für sein Anliegen bei Walcott wären gewiss um einiges schlechter gewesen, wenn ausgerechnet der Hausherr beobachtet hätte wie der Reverend, immerhin eine Respektsperson im Ort morgens im Regen seinen Zaun erklomm als wäre er fünfzehn und nicht fünfunddreißig. Ähnlich irritiert dürfte der Knabe gewesen sein, der dort auf dem Treppenabsatz an der frischen Luft saß und große Augen machte, als er den Reverend erkannte. Bis zu diesem Zeitpunkt, das war Terry klar, war er in seinen Augen nichts als der ernsthafte und achtenswerte Kerl hinter der Kanzel gewesen. Derjenige, der die Bibel für sie auslegte und interpretierte, gegen Sünden wetterte, den Teufel verdammte, ihnen den Katechismus lehrte und ihnen die Ohren lang zog, wenn sie das sechste Gebot mit dem vierten verwechselten. Doch in dem Moment, als Ira den Mann im langen schwarzen Mantel erkannte, verschob sich wohl etwas in der Wahrnehmung. Aller Verwunderung zum Trotz, sprang der Junge auf die Füße und machte artig einen Diener, wie sich das Notabeln gegenüber gehörte. Sein Morgengruß war höflich und deutlich, genau wie sonst an Sonntagen, wenn seine Klasse ihn begrüßte.

Zum Glück erreichte der erwiderte Gruß das Verständnis des Jungen deutlich besser als der vorangegangene Scherz, der sein eigentümliches Verhalten irgendwie erklären sollte. So neugierig wie verunsichert starrte Ira den Mann an. “Was sollte ich denn bei deiner Mutter wollen?”, fragte Terence interessiert und rettete sich ebenfalls so gut es ging unter das Vordach. Im Gegensatz zu dem Bengel hatte er wenigstens einen Hut, er würde ihm also seinen Platz nicht streitig machen. Der Ältere wusste schon, warum Ira sich sorgte. Vor drei oder vier Wochen waren die beiden Cole-Brüder einmal an einem Sonntag nicht erschienen. Es war ein herrlicher Tag gewesen, nachdem es drei Tage hindurch nichts als geregnet hatte. Aber sie waren ja schließlich nicht die einzigen gewesen, die sich lieber einen bunten Tag machen wollten als zu erfahren, wie Lots Weib zur Salzsäule erstarrt war. Und da sie sich an den Sonntagen davor und danach ausgesprochen mustergültig verhalten hatten, sah Terence keinen Grund, einen von ihnen zu bestrafen oder gar Mrs Cole über die kleine Auszeit zu informieren, die sie sich genommen hatten. Schon gar nicht aber würde er nach Wochen im Morgengrauen und im Regen an die Tür klopfen und sich wegen einer solchen Kleinigkeit aufspielen. Aber das konnte Ira nicht wissen. “Ach du meinst wegen Sonntag vor drei Wochen…” Sein Ton war betont beiläufig. “Da wäre ich aber arg spät dran, findest du nicht?” Er zwinkerte dem Knirps zu. “Oder hätte ich sonst einen Grund, deine Mutter aufzusuchen?” Der durchdringende Blick sollte Ira nur ein wenig aufziehen und war nicht wirklich ernst gemeint.

Der Reverend nahm den Hut und entleerte die Krempe, bevor sie überschwappte und den Jungen taufte. Er ließ ihn noch ein wenig zappeln, dann meinte er: “Nein, ich bin hier um eine Angelegenheit mit dem Doktor zu bereden.” Er versuchte ein Lächeln und scheiterte bei der Aussicht, die er hatte. “Weißt du, ob er schon wach ist?”


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Ira Cole - 19.07.2022

Auf der Treppe, hinter dem Haus
Ira mit Terence


Ja, was wohl, dachte Ira blitzschnell und neigte den Kopf leicht zur Seite, um den Reverend zu mustern. Laut sprach er seinen Gedanken zunächst aber nicht aus. Er wollte erst prüfen, was Stevenson beabsichtigte. Scherzte er erneut oder war das nur ein Versuch ihn aufs Glatteis zu locken? Es war ja längst in der Sonntagsschule bekannt, dass der Reverend einen eigenartigen Humor pflegte. Und Ira wollte genau jenem nicht auf den Leim gehen. Schon gar nicht, wo er sich selbst für ziemlich clever hielt. Aber er wollte dabei nicht die Gefahr übersehen, die von Stevenson ausging. Ein falsches Wort seiner Ma gegenüber und Ira konnte sich von einem sorgenlosen Morgen verabschieden.
Er kniff deswegen die Augen etwas zusammen, als würde ihm das beim Überlegen besser helfen, und wog seine Antwort gut ab. Aber so recht kam er nicht dahinter, was Stevenson plante. Er hielt es sogar für fast ungefährlich ehrlich zu antworten. Doch da kam ihm der Reverend schon zuvor und sprach aus, was Ira bereits befürchtet hatte - das blöde Schwänzen vor Wochen!
Ihm blieb nur eine Schrecksekunde, in der er hörbar nach Luft schnappte, dann kurz erbleichte und rasch nickte, als Stevenson ihm offenbar schon gleich darauf zu verstehen gab, dass er nichts zu befürchten hätte. Einfach weil schon genug Zeit verstrichen war. Da hatte der Reverend durchaus recht. Es lag wirklich eine Weile zurück und bis jetzt hatte Ma weder Josh noch ihm die Ohren dafür langegezogen, was nichts anderes bedeutete, als dass der Reverend bisher kein Wort darüber verloren hatte. Das war irgendwie... nett, fand Ira, auch wenn er das "nett" nicht so richtig einsortieren konnte. Denn er hatte bisher 2 Reverends vor Mr. Stevenson kennengelernt und keiner hatte sich mit besonders "nett" bei den Kindern im Ort eingeprägt. Der alte Porter war hart und eiskalt gewesen und hatte nur von Auge um Auge, Zahn für Zahn gefaselt und entsprechend die Rute geführt. Keiner hatte ihm ein Träne nachgetrauert, als man ihn beerdigt hatte. Und dieser widerliche Rev. Hawkins ... der war noch schlimmer als der alte Porter gewesen. Ira wollte nicht mal an ihn denken.
Ira atmete sichtlich erleichtert durch, als ihm klar wurde, dass wirklich keine Gefahr bestand. Was die Kirche und die Sonntagsschule angingen verstand Ma nämlich wirklich keinen Spaß und Ira rechnete es dem Kirchenmann hoch an, dass er keine Rachegedanken hegte, wie seine Vorgänger.
Verhalten schenkte er dem Reverend ein dankbares Lächeln. Dann schüttelte er rasch den Kopf, als Stevenson eine Frage stellte, die Ira kurz nachdenken ließ. Man konnte ja nie wissen... "Eh, nein Sir. Ich hab' nichts angestellt," stellte er richtig. "Zumindest nichts, an das ich mich erinnern kann," grinste er nun doch etwas freier und wich dem durchdringenden Blick des Mannes nicht aus. Da hatte er schon ganz andere Kerle kennengelernt, die ihn ganz anders angestarrt hatten. Dawson zum Beispiel. So schnell ließ sich Ira keine Angst einjagen. Er nahm seinen eigenen Blick auch nicht wieder vom Reverend, als der sich längst mit seinem tropfnassen Hut beschäftigte und jenen vom angesammelten Wasser befreite.

Gut, aber was wollte der Reverend dann hier? Die Walcott-Schnepfen benahmen sich ja alle beide vorbildlich und nachdem der blöde Doc beide vor Wochen das letzte Mal ordentlich durchgehauen hatten, war sogar Dorothy auffällig nett zu Ma... Ira kratzte sich am Hinterkopf und lehnte sich gegen die Hintertür. Wenn es der Mann nicht eilig hatte..: Ira schon dreimal nicht. Als er es ihm endlich verriet, atmete Ira noch mal durch. Was auch immer der Reverend mit dem Doc zu schaffen hatte, es betraf nicht Ira.

"Bestimmt. Der quatscht ja immer was vom frühen Vogel, der den ersten Wurm fängt. Damit meint er aber auch nur Ma, weil die noch früher deswegen aufstehen muss," knurrte Ira und wandte sich mit dem Gesicht der Tür zu, um nach dem Knauf zu langen. "Muss ja dem gnädigen Herrn Zeitung und Kaffee bringen," man hörte dem Jungen an, dass er nicht sonderlich viel vom Arbeitgeber seiner Mutter hielt. Aber das kümmerte Ira auch überhaupt nicht. Er wollte daraus kein Geheimnis machen. Schließlich war er sehr darum bemüht alles dafür zu tun, dass der Doc nicht so etwas wie ihr neuer Vater werden würde. Und ihm war inzwischen jedes Mittel recht. Sogar Lügen und Gerüchte würde er dafür streuen wenn es sein müsste. Ihm fielen nur noch keine guten ein. "Kommen Sie, Reverend. Ma hat bestimmt nichts dagegen, wenn sie in die Küche kurz warten. Ich kann nachsehen," wenn auch nur mit knirschenden Zähnen. Aber dem Reverend konnte man keine Bitte ausschlagen. Nicht wenn man befürchtete für so etwas in die Hölle zu kommen. Und Ma war da sehr lebhaft in ihren Beschreibungen für was man alles in die Hölle kam... "Ist bestimmt schon im vornehmen Salon," oh... perfekt... Ira grinste, als in die warme Küche eintrat und sich dort zum wirklich sehr nassen Reverend herumdrehte. "Ach wissen sie was.. sie können auch gleich mitkommen. Der Doc ist um die Zeit schon da." Eine helle Freude würde er daran haben, wenn Reverend Stevenson auf den teuren Berber tropfen würde....

tbc ~ Salon


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Terence Stevenson - 20.07.2022

Dem Reverend war durchaus bewusst, dass alle Kinder des Ortes ihn nach wie vor als unberechenbare Größe einschätzten und gegenüber dem heiligen Mann entsprechend reserviert und verhalten waren. Kein Wunder bei den staubtrockenen Knochen, die vor ihm hier zum Hirtendienst berufen waren und die man fahrlässigerweise noch auf die Sonntagsschüler losgelassen hatte. Und es stimmte schon, man konnte in Terence nicht hineinsehen: Er konnte blitzschnell umschalten und aus Schalk wurde Ernst, wenn man sich im Ton vergriff oder die Vertrautheit zu weit trieb. Gerade lachte man noch kameradschaftlich miteinander und im anderen Moment durfte man sich unter den Rohrstock bücken. Aber anzunehmen, er würde sich eigens beschweren kommen, nur weil einer seiner Schützlinge vor Wochen lieber das Wetter genossen hatte als sich in die Schulbank zu drücken, war wirklich übertrieben. Terry sah die Anspannung und Sorge aus dem ganzen Körper des Knaben weichen und das machte ihn innerlich schmunzeln. Nach außen musste er den forschenden Blick auflegen, dem Ira erstaunlich gut standhielt. Da konnte Jerry sich mal ein Scheibchen abschneiden.

“Gut, ich wüsste auch nichts…”, was nicht hieß, dass die Aussage des Jungen nur annähernd der Wahrheit entsprach. Jemand in Iras Alter hatte immer ein paar Dummheiten in seinem geheimen Register, das nie ein Erwachsener zu sehen bekam. Er kannte Erwachsene, die der Meinung waren, selbst wenn einer einmal zu Unrecht bestraft wurde, machte das nichts. Für irgendeinen Unfug war die Senge bestimmt verdient, auch wenn man nicht dahinterkam, wofür. Terry gehörte nicht zu diesen Menschen. Er entspannte sein Gesicht und ließ den durchdringenden Blick sein. Kümmerte sich lieber um seinen pitschnassen Hut.

Die Gelegenheit, dass Ira sich umdrehte um die Tür zu öffnen, nutzte der Reverend um auszuholen und dem Bengel eine kleine Dachtel über den Hinterkopf zu verpassen. Nicht, weil der sich umgedreht hatte, sondern weil Terry fand, dass der junge Mann sich besser nicht beschweren sollte, oder, wenn er sich schon beschweren wollte, dann wenigstens nicht so laut, dass der Doktor ihn noch hören konnte. “Du solltest ein wenig dankbarer sein, junger Mann”, schlug der Reverend vor. “Oder wärest du lieber wieder zurück in der schäbigen Hütte?” Er zog eine Augenbraue hoch, wollte sehen, ob Ira sich beklagen wollte. Terry konnte Undank nunmal nicht ausstehen und der Schlag war nichts als ein Reflex gewesen. Er entspannte sein Gesicht, dann kam er ein wenig näher und flüsterte: “Ich weiß, der Doktor ist kein sehr umgänglicher Mensch und vermutlich sind die Gründe, euch aufgenommen zu haben weit weniger ehrenvoll und selbstlos als sie aussehen sollen.” Ein verschwörerisches Glitzern zeigte sich in den dunklen Augen des Mannes. “Dennoch: Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus an euch. Auch wenn du den alten Haudegen nicht ausstehen kannst.” Der Reverend legte kameradschaftlich die Hand auf die Schulter des Jungen. “Und vor allen Dingen, rede leiser von solchen Dingen. Am Ende hört dich noch der Falsche.”

Terry wusste nicht, ob der Doktor Ambitionen hegte, Mrs Cole zu umwerben. Er war immerhin verwitwet und Linda vielleicht keine besonders gute Partie aber immerhin ein treusorgendes und patentes Frauenzimmer. Terence wünschte den Coles von Herzen ein wenig Glück, auch wenn er bezweifelte, dass dieses ausgerechnet in den Armen des Docs lag. Er konnte sich ohne Mühe vorstellen, dass die Gebrüder Cole wenig begeistert von der Tatsache gewesen wären, ausgerechnet Walcott zum Stiefvater zu bekommen, andererseits konnte ein wenig Kontinuität und geordnetes Familienleben den beiden Rabauken auch nicht schaden. Der Reverend danke dem Jungen, der ihm die Tür aufhielt und folgte in die Küche, die sie verlassen vorfanden. Er bemühte sich, so viel Wasser wie möglich loszuwerden, bevor sie in den Salon kamen.

tbc - Salon


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Clara Spencer - 13.11.2025

cf: Zimmer Sarah & Dorothy

Clara mit Sarah und vielen Dingen auf dem Arm

"Ich glaube, es ist mit großen Geschwistern immer eine Plage," stimmte Clara ihrer Freundin zu, die sich über ihre große Schwester beschwerte. Jungs, die ärgerten einen - die zogen an den Zöpfen, sie erschreckten einen mit allen möglichen Dingen, aber wie ein Baby behandelten sie einen nie. Also musste Clara nicht unbedingt eifersüchtig auf Sarah sein, die das Glück besaß mit Dorothy eine große Schwester zu haben. Anscheinend war es ja gar kein so großes Glück, wie es sich Clara manchmal ausmalte. Langweilige Gespräche schienen sie darüber hinaus auch noch zu führen. "Wirklich," staunte Clara und rümpfte ihr Näschen in einer ähnlichen Geste wie Sarah. "Da find ich es aber viel interessanter mit Eli über Dampfmaschinen zu reden. Ich versteh davon nicht viel, aber es klingt spannender, als über... Jungs zu reden?" Wieso sollte ein Mädchen daran Spaß haben? Sie waren doch eine Landplage mit ihrem lauten Geschrei und ihren wilden Spielen und blöden Streiche und ihrem Ungehorsam, der sogar schon Clara und Sarah schlimm tangiert hatte - einschließlich Umgangsverbot und Hieben. Nein, ganz bestimmt würden Clara und Sarah niemals über Jungs reden... außer Dorothy und ihre Freundinnen beklagten sich über ihre Brüder, so wie das eben Sarah und Clara manchmal taten... Aber das waren ja keine junge Männer? "Was... was reden die da so über... Jungs?", hakte sie nach, weil ihre Vorstellungskraft einfach keine vernünftige Antwort auf diese Frage fand.

Inzwischen waren sie um das Haus herumgegangen und Clara führte den 2er Trupp nach wie vor unerschütterlich an. Sie war innerlich darauf gefasst, die Cole-Brüder im Hof bei einem wilden Spiel anzutreffen, so dass sie an der Hausecke erst einmal stehen blieb, um auf Sarah zu warten, die nicht ganz so entschlossen vorankam, wie Clara. Sie spähte derweil schon einmal um die Ecke. Die Luft war überraschend rein. Keine spielende, tobende Jungs! Sie marschierte weiter und legte alles, was sie auf dem Arm mit sich trug vorsichtig auf eine Bank im Hof ab, dann sah sie sich nach Sarah um, die angesichts der Last, die sie sich selbst auf den Arm gestapelt hatte, nicht viel sehen konnte. Was ihre Frage wohl auch erklärte, die kurz Clara hatte schmunzeln lassen. "Nein, aber gleich," informierte sie die Freundin und schlich zum Fenster. Es gab eigentlich keinen Grund dafür, aber die Sorge, die Cole-Brüder lauerten irgendwo, nur auf ihre Chance bedacht, die Mädchen um ihren Spaß zu bringen, trieben Clara dazu an, mehr Sorgfalt als üblich walten zu lassen. Unter dem Küchenfenster angekommen musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um überhaupt einen Blick in das Innere zu erhaschen. Sie zog sich dafür mit ihren kleinen Händchen am Fenstersims hinauf und reckte das Kinn. "Ich seh nur Mrs. Cole," sagte sie und dann stieß sie einen leisen Freudeschrei aus. "Sie holt gerade die Kekse aus dem Ofen."


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Sarah Walcott - 15.11.2025

cf: [WALCOTT] - ZIMMER SARAH & DOROTHY

Clara und Sarah mit vielen Dingen auf dem Arm, dann am Küchenfenster

Sarah dehnte einen langen, tiefen Seufzer. "Oh ja... große Schwestern sind fast genauso doof wie große Brüder", meinte sie überzeugt. Nicht dass sie einen großen Bruder gehabt hätte – aber sie kannte Dorothy, und Jungs waren grundsätzlich und immer um einige Spuren nerviger als vergleichbare Mädchen. Ging sie also von ihrer Schwester aus, musste ein großer Bruder geradezu grauenhaft sein. "Dampfmaschinen?!", erkundigte sich die Kleine hinter ihrer aufgetürmten Last hervor ungläubig und fügte einen Moment später beinahe vorwurfsvoll hinzu: "Das ist doch Spielzeug für Jungs!" Interesse für Dampfmaschinen aus dem Mund einer Freundin – einer besten Freundin zumal – kam dem Mädchen fast wie eine Art Verrat am weiblichen Geschlecht vor. Genauso gut hätte sich doch einer der Cole-Brüder für Puppen interessieren können! Wo sie allerdings ganz mit Clara übereinstimmte, das war das Verhalten Dorothys und der anderen großen Mädchen. "Ja, einfach nur doof", stimmte sie zu, stockte dann aber angesichts der Gegenfrage, die sie provoziert hatte. "Na ja, ich weiß nicht so genau...", gab sie zögerlich zu. Die Großen schickten sie doch immer weg, wenn sie allein sein wollten. Weil sie ja angeblich noch ein Baby war und nichts von dem verstand, das sie sagten, und nur störte und überhaupt. Pah!

"Ich glaube, die sprechen übers Heiraten und solche Sachen", wisperte sie Clara zu, alles Entsetzen über derartige Abartigkeiten in ihrer hellen Stimme. "Und außerdem reden sie ganz viel über Kleider", fügte sie hinzu, was sie sich noch aus Gesprächsfetzen hatte zusammenreimen können, die sie hier und da doch einmal aufschnappte. Derweil stolperte sie in die Richtung, aus der sie Claras Stimme hörte, denn das Puppenkleid weigerte sich hartnäckig, ihr den Blick nach vorn freizugeben – auch als sie angestrengt pustete, wich es kaum beiseite. Dann tauchte ihre Freundin am Küchenfenster auf, eifrig bemüht, in den Raum hineinzuspähen – und nicht mehr bepackt wie ein Lastesel. Irgendwo in ihrem toten Winkel musste Clara ihre Last abgelegt haben. Kurzerhand beschloss Sarah, deren zierliche Arme allmählich müde wurden, es ihr nachzutun, ging in die Hocke und ließ ihre Ladung Spielutensilien zu Boden sinken. Als sie sich aufatmend wieder aufrichtete und sich ihre Kinderschürze ausklopfte, sah sie auch die Bank wenige Schritte vor sich, auf der Claras Sachen lagen. "Ja? Dann sind sie fertig! Lass mich auch sehen!", jubelte sie leise und beeilte sich, ebenfalls die Hände auf das Fenstersims zu legen. Als sie nebeneinander auf den Zehenspitzen standen, drückte sie ihr Näschen an der Scheibe platt. Ihre Augen leuchteten. "Oh, das wird toll! Sieh mal, wie groß die geworden sind!" Und das ganze Blech war voll!


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Clara Spencer - 26.11.2025

Clara und Sarah mit vielen Dingen auf dem Arm, dann am Küchenfenster

"Ich glaube kleine Brüder sind auch doof," überlegte Clara weiter und dachte an Andrew, der oft zornig seine Bauklötze herumwarf, oder einfach so zu weinen anfing, ohne das ihm jemand etwas getan hatte. Und wenn Ma sowieso schon ziemlich überarbeitet war, dann gab sie fast jedem die Schuld daran, wenn der Kleine weinte. Das war unfair. Und machte Clara ziemlich deutlich, dass Geschwister allgemein keine gute Erfindung waren. Entweder waren sie nur laut, wild, stritten miteinander, gönnten einem nichts, wollten immer das letzte Wort haben, hielten ihre Ideen für die besseren, oder verpetzten ihre Geschwister. Nicht dass Eli oder Jerry sie je verpetzt hätten, aber sie hatte Dorothy bereits kennengelernt und wusste, dass die auf jeden Fall kein Problem damit hatte Sarah für etwas die Schuld zu geben, Hauptsache Dr. Walcott verhaute dafür Sarah und nicht sie. "Ich glaube wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann würde ich in einem anderen Leben gerne keine Geschwister haben." Es wäre vieles einfacher. Eine gute Freundin wie Sarah reichte doch vollkommen aus?

"Ja, ist es wohl," stimmte Clara schon einen Augenblick später Sarah zu, als sie das Thema wechselten und bei Dampfmaschinen landeten. "Aber spannend ist es trotzdem," stellte sie fest und spähte weiter die Küche aus. "Nicht alles ist doof, was Jungs treiben. "Zudem ist es ja nicht nur Spielzeug. Mit Dampfmaschinen kannst du Boote antreiben oder Züge und die transportieren dich wieder von A nach B. Jerry und Eli meinen, dass bald schon alle Fabriken damit Maschinen betreiben könnten. Ich weiß zwar nicht wie das geht, aber ich finde das... super spannend." Clara, aufgewachsen mit einem Bruder sah hingegen keinen Verrat darin sich auch für die Dinge zu interessieren, die ihr Bruder gut fand. Umgekehrt spielte ja auch Eli mit ihren Puppen und trank imaginären Tee aus ihren Tassen. Zumindest hatte er das getan, bevor sie eine Freundin in Sarah gefunden hatte. Und apropos Jungs - leider wusste Sarah nicht all zu viel zu dem Thema ältere Jungs, obwohl sie ihre Schwester darüber reden hörte, was Claras Neugier sehr enttäuschte. Ein bisschen hatte sie dann aber doch etwas zu erzählen und Clara sah sie mit großen Augen an. "Übers Heiraten? Wollen die etwa so einen Jungen schon heiraten?" In Claras Welt heirateten nur "sehr alte" Menschen - also ihre Ma und Terry. Oder John und Emily. Aber doch nicht Mädchen wie Dorothy und Mary? Dass sie über Kleider sprachen, das wiederum verstand Clara besser. Hübsche Kleider waren auch wirklich ein gutes Thema - sie mochte es gerne hübsch auszusehen.

"Ich finde es schöner, über Puppen, Teegeschirr und Prinzen zu reden," stellte sie nach einer Schweigeminute fest, in der sie die Küche als gefahrenfreie Zone erklärt hatte. Sie übersah dabei natürlich, dass Prinzen auch nichts anderes waren als große Jungs. "Oder Kekse," kicherte sie und rückte etwas zur Seite, als Sarah sich Platz am Fenster erbat, um auch einen Blick hineinzuwerfen. Sie hätten auch genauso gut in die Küche gehen können, aber irgendwie war es gerade äußerst angenehm in der frischen Luft zu stehen, durch das Fenster Mrs. Cole zu beobachten und die prächtigen Kekse zu bewundern. "Mir läuft das Wasser im Mund zusammen," raunte Clara. "Meinst du, wir können schon reingehen und sie darum bitten, sie uns mitzugeben?"


RE: [WALCOTT] - VOR UND HINTER DEM HAUS - Sarah Walcott - 30.11.2025

Clara und Sarah mit vielen Dingen auf dem Arm, dann am Küchenfenster

Nachdem sie einen Moment darüber nachgedacht hatte, nickte Sarah, obwohl Clara die Geste kaum würde sehen können. "Ja, eigentlich sind sie alle doof", stellte die Kleine resignierend fest. Betrachtete man es einmal ganz nüchtern, waren die Menschen, ausgenommen kleine Mädchen wie Clara und sie, ziemlich gemein und unangenehm... "Das wäre fein", murmelte sie bei dem Gedanken, nicht bei jeder Gelegenheit von Dorothy zurechtgewiesen, ausgeschimpft oder bei Pa angeschwärzt zu werden. Keine Geschwister: Hieße das nicht auch, das Zimmer ganz für sich allein zu haben? Was für ein wundervoller, großer Raum für Spiele mit ihrer besten Freundin! Und es würde vermutlich außerdem bedeuten, nicht mehr die alten Kinderkleider von Dorothy aufzutragen? Die zwar, wie Pa immer betonte und auch Mrs. Cole sehr unterstrich, einmal sehr teuer gewesen und auch jetzt noch sehr schön und vollkommen in Ordnung waren – aber eben die abgelegten Sachen ihrer älteren Schwester, die sich manchmal aufführen konnte, als habe sie Sarah jeden Strumpf und jede Haube persönlich geschenkt!

Sie strich noch einmal über ihre Kinderschürze und besah sich rundum, ob der helle Stoff bei ihrer Lastenschlepperei keine Flecken, Risse oder schlimmen Knitterfalten abbekommen hatte. "Hmm, ich weiß nicht", murmelte sie leise. Sie fand doch, dass alles irgendwie doof war, was Jungs trieben. Schon aus Prinzip! Und außerdem... "Maschinen?!" Sie runzelte die Stirn. "Ich hab' in der Schule gehört, dass manche Jungs auch erzählen, die könnte man mit Dampf antreiben. Aber wie soll denn das gehen? Maschinen sind doch groß und laut und... und ganz schwer. Und Dampf ist doch bloß... gar nichts. Da kann man doch durchfassen – auch wenn's ziemlich wehtut, weil er so heiß ist." Zur Illustration wedelte sie mit ihrem Händchen durch die Luft. "Wie kann denn so was weiches wie Dampf eine Maschine aus Eisen bewegen?" Also sie könnte das mit ihren bescheidenen Kräften jedenfalls nicht – und doch war Sarah überzeugt davon, dass sie viiiiel stärker drücken konnte als so ein oller Dampf. "Dampf ist doch nur so wie heißer Nebel, oder?", argumentierte sie weiter und hob dann ratlos die Schultern. Doofer Dampf, und doofe Maschinen! Doch auch das Thema Jungen war kaum erfreulicher. "Ich glaub' ja", nickte Sarah gewichtig. "Heiraten und... küssen sogar. Auf den Mund!", fügte sie mit empörter Miene hinzu.

Küssen, das tat man nur auf die Wange, und dann auch nicht bei jedem. Sie hatte das, soweit sie sich zurückerinnern konnte, nur bei ihrer Nanny gemacht. Oh, und bei Mrs. Cole, seit die ihre verschwiegene Vertraute geworden war. Die Kleine war nämlich unendlich dankbar, dass die Haushälterin ihre Bettwäsche meist wie selbstverständlich wusch und kein Wort darüber verlor, statt Pa zu petzen, dass es bei Sarah manchmal nachts feucht im Bett wurde, wenn sie Angst vor den Monstern bekam, die sie aus dem Dunkel der Kinderzimmerecken belauerten... Aber sonst würde sie niemanden küssen, und schon gar keine Jungs! "Oh ja, ich auch", stimmte sie ihrer Freundin zu, als sie nebeneinander die Nasen an der Scheibe plattdrückten. Drinnen hatte Mrs. Cole gerade das Blech mit den fertigen Keksen abgestellt und... nanu? Sie band ihre Schürze ab? Das konnte nur heißen, dass sie noch außer Haus gehen wollte, denn drinnen konnte man sie nie ohne eine sehen. Sarah bekam ein wenig Angst, was mit dem feinen Gebäck passieren würde, wenn Mrs. Cole nicht mehr darauf aufpasste – schließlich mussten ja ihre missratenen Söhne noch irgendwo stecken! "Lass uns schnell reingehen und sie fragen", nickte sie daher eilig.